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STAAT UND LIEBE (1999-2001)

Mai Horlemann und Thomas Weber-Schallauer in STAAT UND LIEBE, Regie: Boris Schafgans
Deutschland 2001 | 108 Min

Im Jahr des Hauptstadtumzugs erleben Karl und Karla ihren letzten gemeinsamen Sommer. Während beide zu Plätzen und Landschaften eilen, um für das, was sie sich noch zu sagen haben, den geeigneten Ausdruck zu finden, bringt der Film auf dokumentarischer Ebene Schlaglichter aus dem Innenleben der Bundesrepublik, Bestandsaufnahmen wiederbelebter Staatsarchitektur aus untergegangenen Epochen und Bilder von verlassenen historischen Orten. An einer Stelle des Films dämmert das mittlerweile verfallene Gelände des Olympischen Dorfs von 1936 im Havelland, das in der Folge neun Jahre von der Deutschen Wehrmacht und 47 Jahre als Kaserne der Roten Armee genutzt wurde, friedlich-grauenhaft vor sich hin.

So sehr die Frage nach dem gemeinsamen Leben in Deutschland auch die Gespräche bestimmt, die Karl und Karla führen, wird immer stärker zur Gewissheit, dass der Abschied unabwendbar, zugleich unendlich schmerzhaft ist. Mit der Auflösung der Gegenwart entsteht aber auch neue Vergangenheit. Im suggestiv abgekehrten Milieu des Paares, das der Welt abhanden zu kommen scheint, und in der Betrachtung der geschichtlich-politischen Dimensionen, wie sie sich in der alten Hauptstadt Bonn und in dem mit Nervosität betriebenen Umbruch in Berlin abzeichnen, verdichten sich Landschaften und Städte, Nähe und Ferne, der Anblick Deutschlands um 2000 und die Musik, die junge Komponisten in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg schrieben, zu einem fragilen Bild einander überlagernder Zeitformen: der Traum von Unversehrtheit, wie ihn nur die Gezeichneten träumen können, wird zur Melancholie ihrer Hoffnungen, zum Stummfilm ihrer Besessenheit.

Der Staat will Liebe, doch Macht und Ohnmacht menschlicher Wünsche und Empfindungen funktionieren bisweilen selber wie ein Staat. Karl und Karlas Liebe scheitert daran, dass sich Gegenwart und Vergangenheit nicht vereinigen lassen. Was auf höherer Ebene angestrebt wird, nämlich die Vereinnahmung der "ganzen" Vergangenheit, um den Vorlauf der staatlichen Vereinigung als Erfolgsstory von beispielloser Stringenz zu etablieren, will ganz unten im Privaten erst recht nicht gelingen. Das vorläufige Produkt des öffentlichen Geschichtsunternehmens in Deutschland bleibt widerspruchsvoll. Karl und Karla hingegen gewinnen nach dem Auseinanderbrechen aller gemeinsamer Möglichkeiten sich selbst zurück. Die Beunruhigung, die sie aneinander erfahren haben, produzierte ein neues, ein befreiteres Dasein.

"Ich habe das Frühwerk der Komponisten, die später in die Atonalität gingen, und deren Frühwerk aber ein extrem romantisches war, dazu genutzt, um einen Film zu machen über ein auseinanderbrechendes Liebespaar vor der Kulisse des zusammenwachsenden Deutschland, dies aber nur als Folie für den Abgrund zwischen Bonn und Berlin."

"Staunen machend. Im Sprachgebrauch und in seiner klaren Montage erscheint dieser Film bisweilen wie der missing link zwischen den Filmen Kluges und Straub/Huillets." (Michael Baute in: RECHERCHE FILM UND FERNSEHEN, 2/2007)

Mai Horlemann und Thomas Weber-Schallauer in STAAT UND LIEBE, Regie: Boris SchafgansThomas Weber-Schallauer in STAAT UND LIEBE, Regie: Boris SchafgansMai Horlemann in STAAT UND LIEBE, Regie: Boris Schafgans
Drehbuch:Boris Schafgans
Regie:Boris Schafgans
Kamera:Hans Hermann Fink, Boris Schafgans
Schauspieler:Mai Horlemann (Karla)
Thomas Weber-Schallauer (Karl)
Dieter Matzke (Herr am Fenster)
Kameraassistenz:Meike Birck
Komponist:Busoni, Zemlinsky, Korngold, Schreker, Hauer, Schönberg, Webern, Pärt, Hindemith, Berg, Mahler
Schnitt:Boris Schafgans
1. Regieassistent:Jan Verbeek
Produktionsassistent:Nina Arens, Jakob Geiger, Sebastian Schäche
Produktionskoordinator:Madeleine Bernstorff
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