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Pressemitteilungen

FILMAKADEMIE UND DOKUMENTARFILM: KEIN STIMMIGES KONZEPT
Presseerklärung der AG DOK vom 8.3.2005
Plakat Film "Höllentour" 2004
Die Deutsche Filmakademie hat ihre Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis 2005 veröffentlicht. An der Entscheidung selbst gibt es nichts zu deuteln – die ausgewählten Filme sind interessant und diskussionswürdig. So weit, so gut. Ob aber das gewählte Verfahren der neugegründeten Akademie – insbesondere im Hinblick auf den Dokumentarfilm- insgesamt zur Ehre gereicht, bleibt fraglich.
Zeigt sich doch, daß der Dokumentarfilm – seinem gegenwärtigen Kino-Boom zum Trotz - von den Initiatoren der Akademie nur mit halbem Herzen gewollt und im Hinblick auf den Filmpreis offensichtlich nicht zu Ende gedacht wurde. Unter anderem deshalb ist die Dokumentarfilm-Sektion innerhalb der Akademie bislang nicht über zwei (!) Mitglieder herausgewachsen – die meisten Vertreter des Genres haben sich – wenn überhaupt - lieber als Regisseure oder als Produzenten angemeldet. Die mangelnde Durchdringung der Dokumentarfilm-Branche wiederum hat dazu geführt, daß in diesem Jahr nur 13 Kino-Dokumentarfilme zum Filmpreis eingereicht wurden. In den drei Jahren davor waren es jeweils mehr als 20, und damit jedesmal in etwa halb so viele wie die im gleichen Jahr gemeldeten Spielfilme.

Über die Gründe läßt sich nur spekulieren. An einem Rückgang der Dokumentarfilmproduktion liegt es jedenfalls nicht – eher schon an der Informationspolitik der Film-Akademie, die Termine und Einreichverfahren relativ spät über den erlauchten Kreis der eigenen Mitgliedschaft hinaus publizierte. Entsprechend spärlich tröpfelten die Einreichungen.
Das nun wiederum hat dazu geführt, daß der Dokumentarfilm trotz seiner breiten Produktionsbasis und seiner steigenden Publikumsakzeptanz von der Akademie nicht anders behandelt wird wie der Kinderfilm, der in den Vorjahren nur 4, 6 oder maximal acht Titel ins Filmpreis-Rennen schickte. Während die Jury zwölf Spielfilme zur Wahl stellt, durfte sie nur ganze vier Dokumentarfilme auswählen. Eine so strikte Vorgabe verengt zwangsläufig den Blick auf die Vielfalt des Genres - und so blieb als prominentestes „Opfer“ unter anderen Pepe Danquarts „Höllentour“ - auf der Vorauswahl-Strecke. Wer diesen Streifen – mit mehr als 200.000 Zuschauern einer der Überraschungserfolge des letzten Kinosommers- für einen preisverdächtigen Dokumentarfilm hält, hat leider Pech gehabt. Denn er ist nicht mehr im Rennen. Bully Herbigs „Traumschiff Surprise“ dagegen schon.
In der Vorauswahl für die Filmpreis-Kategorien „Kamera“ und „Ton“ kommen Filme wie „Höllentour“ oder „Carpatia“ dann übrigens doch noch zum Zuge – mit der Konsequenz, daß die Produzenten nun auf eigene Kosten 600 Videokassetten für alle Akademie-Mitglieder ziehen lassen dürfen. Eine Investition von 1000 bis 1500 Euro, die den großen kaum, den kleinen und finanzschwachen Produktionsfirmen hingegen sehr weh tun dürfte. Um so mehr, als sie in aller Regel nichts davon haben...
Und auch das weitere Verfahren setzt die Geringschätzung des Genres fort: da wird von März an beim „Lola“-Festival in Berlin, Hamburg, Köln und München sechs Wochen lang von Montag bis Freitag jeden Abend ein Spielfilm gezeigt – „und sonntags ein Dokumentarfilm in der Matinée.“ Da ist sie wieder, die traditionelle Vorstellung vom guten, alten Kulturfilm im Getto der Sonntags-Matinée. Ganz so, als seien die letzten 25 Jahre spurlos an der Deutschen Filmakademie vorübergegangen. Ganz so, als sei der Akademie entgangen, daß selbst das Festival von Cannes mit Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ einen Dokumentarfilm zum Hauptpreisträger kürte. Ganz so, als habe der Filmkritiker Wolfram Schütte nicht schon vor zwanzig Jahren mit geradezu visionärem Weitblick geschrieben „Der Dokumentarfilm ist nicht weniger Spielfilm, nicht bloß Stoff und Facts, sondern zugleich Fiction und Form: es wird höchste Zeit, daß er in die Kinos zurückkehrt und ein Publikum findet, das wieder Menschen im gelebten Leben ins Auge blicken will.“ Jetzt ist der Dokumentarfilm wieder im Hauptprogramm der Kinos angekommen, nur: die Deutsche Filmakademie hat es noch nicht gemerkt...
Ob sich die Akademie mit der Übernahme des Deutschen Filmpreises wohl einen Gefallen getan hat? Fast möchte man sich wünschen, sie hätte die Finger davon gelassen und sich statt dessen auf das konzentriert, was ihre wirklich Stärke sein könnte: die offene Diskussion unter Filmschaffenden – über Genregrenzen und verstaubte Kategorisierungen hinweg...
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