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Die Parteien und das Internet - Wozu brauchen wir die Piraten?
Ein Bericht über den Themenblock Urheberrecht einer Veranstaltung des Kulturforums Starnberg von Yola Kettermann Grimm
(c) 2001
Draußen ist es Dunkel, der Wind pfeift und Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Drinnen gemütliches Ambiente, mollig warm und waches Interesse der Veranstaltungsteilnehmer. Auf dem Podium sitzen Andreas Popp, stellvertretender Parteivorsitzender der Piratenpartei und Rainer Glaab, Kampagnenleiter der SPD-Landesgeschäftsstelle München.

Beide geben ein kurzes Impuls-Referat und dann öffnet Heinz Gerber das Podium für Publikumsfragen. Angenehm, alle regen Wortmeldungen, Fragen und Antworten werden ergebnisorientiert ausdiskutiert. Auffällig, beide Parteien-Vertreter, in mittleren Jahren, haben kurze Haare mit einer Halbglatze. Schräg gegenüber sitzen zwei Momo-Wuschelköpfe, Christoph und ich. Christoph hatte sich auch im Vorfeld mit Cay Wesnigk über die aktuelle Diskussion vorbereitet. onlinefilm.org/de_DE/news/3036... Wir hatten vorab das Partei-Programm der Piratenpartei zum Thema „Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung“ gelesen. Meiner Meinung nach ein nicht stringenter Flickenteppich für die freie Nutzung und Kopierbarkeit von urheberrechtlich geschützten Werken. wiki.piratenpartei.de/Parteipr...

Christoph Boekel, Baumfilm, eröffnet die Debatte Urheberrecht. Er schildert eindringlich seine Situation als Dokumentarfilmproduzent, der Sender unterfinanziert und auf weitere Filmrecht-Verwertung zur Vollfinanzierung angewiesen sei. Sein Dokumentarfilm „Verstrahlt und vergessen“ über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die Folgen lief auf 33 Festivals, erhielt 11 Filmpreise, kann für 2,50 Euro online herunter geladen werden und wurde dort genau einmal verkauft. Bei Youtube ist der Stream kostenlos, dort wurde wurde der Film 1.500 mal angeschaut.

Christoph Boekel argumentiert, dass die Piratenpartei und ihre Forderung nach einem kostenlosen File-Sharing allein der Provider- und Online-Industrie nutze, nicht aber den Kultur- und Medienschaffenden. Diese Gratiskultur sei Werbung und Propaganda für die Provider- und Online-Industrie und bedeute nichts anderes als Diebstahl und Enteignung der Urheber. Andreas Popp von der Piratenpartei hält dagegen: Nein, das alles sei kein Diebstahl. Dann fliegen die Wortfetzen im Raum hin und her.

Da ich leider gerade nicht zu Wort komme, denke ich, es heißt ja „Raubkopien“ – also doch Diebstahl. Und wie es wäre, eine Partei zu gründen, die das Ziel hat, Banken und Weltkonzerne zu stürmen und die Gelddeponien zu plündern.

Rainer Glaab von der SPD erläutert an einem, ausführlichen und etwas hinkenden Beispiel, dass das Rad nicht rückwärts gedreht werden könne. Mein Argument, dass das Urheberrecht dem Schutz der Unabhängigkeit von Wissenschaft, Literatur und Kunst diene und unabhängige, schöpferische Werke finanziert bzw. refinanziert werden müssen, um diese überhaupt erst zu erstellen, wird von Rainer Glaab so beantwortet: „Wir sehen ja ein, die müssen auch von etwas leben. Aber diese freie Netzkultur sei mit staatlichen Mitteln nicht mehr zu stoppen.“

Hat Glaab sein eigenes Partei-Programm nicht gelesen? Hier heißt es:

„Die Zukunft der Digitalisierung stellt uns vor neue Herausforderungen beim Schutz immaterieller Produkte und Güter. Wir brauchen einen vernünftigen Ausgleich zwischen Nutzerfreundlichkeit und den Rechten der Kreativen. Dabei werden wir im Rahmen des Kreativpaktes die Netzbetreiber und Internet-Service-Provider in den Dialog mit Rechteinhabern und Verwertungsgesellschaften einbeziehen. Wir setzen uns für die Prüfung einer Kultur-Flatrate ein.“ spd-netzpolitik.de/tag/urheber...

Christoph Boekel kontert, dass mit dieser Haltung schöpferische Arbeit und eine kritische und unabhängige Kultur kaputt gemacht werde. Daraufhin gibt sich Andreas Popp immerhin dialogbereit für einen „Ideenaustausch“, denn schließlich heißt es im Piratenpartei-Programm:

„Wir sehen es als unsere Verantwortung, die Schaffung von Werken, insbesondere im Hinblick auf kulturelle Vielfalt, zu fördern. Positive Effekte der von uns geforderten Änderungen sollen im vollen Umfang genutzt werden können. Mögliche, aber nicht zu erwartende negative Nebenwirkungen müssen bei deren Auftreten nach Möglichkeit abgemindert werden.“

Inwieweit diese Dialogbereitschaft nur ein Lippenbekenntnis war, wird sich noch herausstellen. Die Debatte über die Urheberrechtspolitik verlief hitzig, aber am Ende konnten wir Dokumentarfilmer die Sympathien des Publikums gewinnen und mit unserem Standpunkt vielleicht ein Stück weit Bewusstsein für den Wert künstlerischer Arbeit schaffen...

Yola Kettermann Grimm