
AG DOK - Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e.V.
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"Filmvermittlung heute - Zukunftsfrage des Dokumentarfilms"
Ein Konferenz-Bericht / Über Wirkung und die Frage, warum Dokumentarfilm Vermittlung braucht
from 02.06.2026
Ein Konferenz-Bericht von Maya Reichert und Carolin Ziemann
Dokumentarfilm schafft Räume für Perspektivwechsel, für gesellschaftliche Verständigung und für das Erleben der Filmform. Gleichzeitig erleben viele dokumentarische Arbeiten ein Paradox: Auf Festivals erreichen sie ein interessiertes Publikum und im nächsten Auswertungsschritt wird Sichtbarkeit oft zur Herausforderung, die Kinoauswertung wird schwieriger und Aufmerksamkeit erscheint fragmentierter.
Die Frage, wie Dokumentarfilme Menschen erreichen, begleitet die Branche seit Jahren. Dabei geht es längst nicht nur um Marketing oder Distribution. Es geht um Kontext, Austausch und um die nachhaltige Beziehung zwischen Filmen und Publikum. Genau hier setzt Filmvermittlung an.
Im Rahmen des DOK.forum beim DOK.fest München fand am 10. und 11. Mai 2026 erstmals die bundesweite Fachkonferenz „Filmvermittlung heute – Sichtbarkeit, Profession, Zukunft“ statt - gefördert vom FFF Bayern und unterstützt von der AG DOK sowie der AG Filmvermittlung und dem Verband bayerischer Filmfestivals VBFF.
Rund 60 Expert*innen aus Filmfestivalarbeit, Dokumentarfilm, Filmvermittlung, Schule, Hochschule, Kino, Verleih und kultureller Bildung kamen zusammen, um gemeinsam unter anderem an dieser Frage zu arbeiten: Welche Rolle spielt Filmvermittlung für die Zukunft des Dokumentarfilms?
Schnell wurde deutlich, Filmvermittlung ist keine ergänzende Maßnahme nach Fertigstellung eines Films, sondern Teil filmischer Öffentlichkeit. Sie beginnt bei Begleitmaterialien, Kontextualisierung und Filmgesprächen. Sie umfasst Community-Arbeit, Bildungskooperationen, Festivalformate, digitale Räume und neue Wege kultureller Teilhabe. Sie kann dokumentarische Arbeiten langfristig sichtbar machen, besonders dort, wo Filme sich künstlerische Freiheiten nehmen, Sehgewohnheiten hinterfragen und komplexe gesellschaftliche Wirklichkeiten verhandeln.
Gerade Dokumentarfilme besitzen besondere Potenziale für Vermittlungsarbeit: Sie eröffnen inhaltliche Diskursräume, schaffen gesellschaftliche Bezüge und fordern dazu auf, Perspektiven zu hinterfragen. Gleichzeitig entstehen dort, wo Filme komplexe Wirklichkeiten verhandeln und auch mal Sehgewohnheiten herausfordern, weitere Anschlussmöglichkeiten für Vermittlungsarbeit im Bereich der Medien- und Filmlesekompetenz.
Auf der Konferenz diskutierten Filmschaffende, Festivalmacher*innen und Vermittler*innen deshalb über Formate, über Erfahrungen im Berufsfeld der Filmvermittlung und über strukturelle Fragen:
⁃ Wie wird Filmvermittlung professionell verankert?
⁃ Welche Kompetenzen braucht das Berufsfeld?
⁃ Wie lassen sich Wirkung und gesellschaftliche Relevanz sichtbar machen?
⁃ Welche Rolle spielen Festivals als Orte langfristiger Publikumsentwicklung?
⁃ Wie können Dokumentarfilm und Filmvermittlung gemeinsam neue Zugänge schaffen?
Impulse und Perspektiven kamen aus sehr unterschiedlichen Bereichen der Filmkultur, der Filmvermittlung und des dokumentarischen Arbeitens: Andrea Kuhn (Internationales Nürnberger Filmfestival der Menschenrechte) sprach über Filmvermittlung als elementaren Bestandteil von Festivalarbeit, Anne Schleicher (ZWICKL Dokumentarfilmfestival Schwandorf) über Vermittlung im ländlichen Raum und Kathi Seemann (DOK.education) über digitale Filmvermittlung und bundesweite Zugänge zu Dokumentarfilm über die Online-Kinosäle der Schule des Sehens.
Stefan Stiletto, Filmpädagoge, Filmjournalist und Autor zahlreicher filmpädagogischer Materialien, brachte die Perspektive von Filmbildung und Begleitmaterialien als Brücke zwischen Film und Publikum ein. Lisa Haussmann (AG Filmvermittlung / Französische Filmtage Tübingen Stuttgart) machte Arbeitsrealitäten, Honorierungsfragen und strukturelle Herausforderungen des Berufsfeldes sichtbar. Manuel Zahn, Professor für Ästhetische Bildung und Mitentwickler der Zusatzqualifikation Filmbildung Nordrhein-Westfalen, diskutierte Ausbildung, Qualifizierung und nachhaltige Verankerung filmkultureller Bildung.
Über neue Räume von Publikum und Teilhabe sprach Patrick Thomas (Ciné Vélo Cité) mit seinem mobilen Kinoansatz im öffentlichen Raum. Parand Laghai und Tara Herbener (CineConnect) brachten Perspektiven kritischer Filmvermittlung ein und diskutierten Fragen von Zugänglichkeit, Rezeption und Verantwortung. Gudrun Sommer (doxs! Ruhr) stellte mit ihrem Ansatz „Developing Us, not Audiences“ die Frage, wie Filmvermittlung weniger als reine Publikumsentwicklung und stärker als gemeinschaftliche Kulturpraxis verstanden werden kann.
Wie Filmvermittlung Wirkung entfalten und sichtbar machen kann, beleuchteten Ingund Schwarz (Kulturschule Bayern), Markus Ramershoven und Katharina Schulz (Drehort Schule e.V.) mit Perspektiven zu Film und Schule, Qualifizierung und struktureller Verankerung kultureller Bildung sowie Daniel Ebner und Tanja C. Krainhöfer mit Ansätzen zu Wirkungsanalyse, Strategieentwicklung und sozialer Wirkung in Festival- und Filmkulturarbeit.
Eröffnet und kontextualisiert wurde die Konferenz von Maya Reichert (DOK.fest München) gemeinsam mit Luc-Carolin Ziemann (AG Filmvermittlung).
Gemeinsam wurden Bedarfe formuliert, Qualitätsverständnisse geschärft und strukturelle Herausforderungen sichtbar gemacht. Ein wichtiges Signal der Konferenz war die Bedeutung gemeinsamer Interessenvertretung und struktureller Vernetzung. Dass sich mit der AG Filmvermittlung erst kürzlich ein bundesweiter Zusammenschluss freier Filmvermittler*innen mit schon über 50 Mitgliedern gegründet hat, erwies sich vor dem Hintergrund vieler Diskussionen als wichtiger Schritt für die weitere Entwicklung des Berufsfeldes. Ein ausführlicher Abschlussbericht mit zentralen Erkenntnissen sowie Einblicken in die Beiträge der Referent*innen steht demnächst öffentlich zur Verfügung.
Die Verortung der Konferenz beim DOK.forum vom DOK.fest München war dabei bewusst gewählt. Mit DOK.education und der seit über 13 Jahren kontinuierlich aufgebauten “Schule des Sehens” verfügt das Festival über eine der größten Filmbildungsinitiativen speziell für Dokumentarfilm im deutschsprachigen Raum. Die Konferenz konnte auf dieser gewachsenen Praxis aufbauen und sie in einen bundesweiten Fachdiskurs zur Zukunft der Filmvermittlung überführen.
Der AG DOK danken wir für die Unterstützung der Konferenz und die Bereitschaft, Filmvermittlung als Zukunftsfrage des Dokumentarfilms gemeinsam mitzudenken. Dass sich Institutionen, Verbände und Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Filmbranche gemeinsam hinter die strukturelle Weiterentwicklung von Filmvermittlung stellen, ist ein wichtiges Signal. Denn die Zukunft der Filmvermittlung ist eine gemeinsame Verantwortung der Filmkultur.
Unser Fazit: Dokumentarfilm und Filmvermittlung müssen stärker gemeinsam gedacht werden. Filmvermittlung beginnt nicht erst nach Fertigstellung eines Films. Sie schafft Öffentlichkeit und langfristige Beziehungen zwischen Filmen und Publikum. Vermittlung ist dabei keine ergänzende Maßnahme der Filmkultur, sondern Teil ihrer Infrastruktur. Wer über die Zukunft des Dokumentarfilms spricht, muss deshalb auch über Vermittlung sprechen.
Maya Reichert - Internationales Dokumentarfilmfestival München, Stv. Festivalleitung
Carolin Ziemann - AG Filmvermittlung, Vorstand
https://www.dokfest-muenchen.de/Filmvermittlung_Konferenz2026
https://ag-filmvermittlung.de



