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Alternative Finanzierungs- und Verwertungsmodelle

Web-Dokus, ein Genre im Wandel

von Mathilde Benignus, Frédéric Dubois und Jonas Witsch [1]

Einleitung 

In Kanada, der einzigen Industrienation, in der es noch einen öffentlich-rechtlichen Filmproduzenten gibt (Office National du Film/National Film Board), kam interactive documentary 2008 in Schwung. Kurz darauf wurden in den USA und den Niederlanden Browser-basierte Erzählungen in Kooperation mit etablierten Medien wie National Geographic oder VPRO veröffentlicht. Die Zeitung Le Monde führte 2009 bis 2010 auf ihrer Webseite eine Sektion mit Web-documentaires. Seitdem haben Pionier*innen wie Samuel Bollendorf (Journey to the end of coal; Burn Out), Katerina Cizek (Out My Window; Highrise), David Dufresne (Prison Valley; Fort McMoney), Vincent Morisset (Bla Bla; Way to Go), Tommy Pallotta (Collapsus: The Energy Risk Conspiracy; The Last Hijak) und Lena Thiele (Lebt wohl, Genossen!; netwars / Out of CTRL) Web-Dokus zum Genre gemacht.     

In Bristol wird das Phänomen i-doc (so die Wortschöpfung der Expertin Sandra Gaudenzi) wissenschaftlich erforscht, u.a. durch ein jährliches Symposium (i-docs.org). Ein bisschen weiter weg, am Massachusetts Institute of Technology (MIT), schlossen sich Akademiker*innen und Macher*innen zum Open Documentary Lab (opendoclab.mit.edu) zusammen, um Forschung, Entwicklung und Lehre von interaktiven Narrationen voranzutreiben. An der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF gibt es seit 2018 eine Forschungsgruppe Namens Docmedia zu neuen Formen des dokumentarischen Erzählens.

In Deutschland, der Schweiz und in Österreich erschienen in den letzten Jahren vermehrt Web-Dokus, die auf Festivals und Messen präsentiert wurden, darunter DOK Leipzig Net Lab, ZDOK Zürich, DOK.fest München oder StoryDrive auf der Frankfurter Buchmesse. Entstanden sind sie auch in Zusammenarbeit mit Online-Redaktionen von Printmedien (derStandard.at, FAZ.net, NZZ.ch, SZ.de, taz.de) und Sendern (BR, ZDF/Arte, RBB, WDR). Bereits 2000 erfand Medienkünstler Florian Thalhofer Korsakow, ein regelbasiertes System um Filme digital, interaktiv und nichtlinear zu erzählen. Es wurden seitdem weltweit tausende Korsakow-Filme gemacht. Fast zehn Jahre später erschien Lebt wohl, Genossen! (Gebrüder Beetz Filmproduktion). Die Fotograf*innen von 2470media sind seit 2009 mit Multimedia-Erzählungen präsent, u.a. mit den erfolgreichen Berlinfolgen (in Zusammenarbeit mit taz/die tageszeitung). Nach der online interaktiven Doku-Serie Do Not Track (internationale Koproduktion des BR, 2015) erschien u.a. die WebVR-Doku Glückauf (Kubikfoto/WDR, 2018).

Trotzdem werden im weltweiten Vergleich sehr wenige deutschsprachige Web-Doku Projekte hergestellt. Ihre Entwicklung und vor allem die Finanzierung ist schwierig und die praktische Umsetzung aufwändig. Dabei mangelt es in Deutschland nicht an Geschichtenerzähler*innen, Designer*innen, Technolog*innen oder etablierten Medien. Ganz im Gegenteil.

In diesem Text erkunden wir das Genre der Web-Dokus und geben einen Einblick in ihre Finanzierung.

 

Was genau ist eine Web-Doku?  

Web-Dokus sind Browser-basierte Dokumentarfilme. Sie unterscheiden sich wesentlich vom klassischen Dokumentarfilm durch ihre Technologie (browser-basiert) und den dramaturgischen und gestalterischen Ansatz (meistens nichtlinear, interaktiv). Web-Dokus bilden keine einheitliche Spezies: Im Gegenteil zu Dokumentarfilmen, die meistens lineare Geschichten erzählen, sind Web-Dokus ein Sammelsurium von interaktiven Geschichten, die oft, aber auch nicht immer, nichtlinear gestaltet sind.

Wie beim linearen Film ist auch bei Web-Dokus das Entscheidende der point of view, der subjektive Blick auf die Realität durch die Autor*innen. Auch in Web-Dokus geht es nicht um vermeintliche Objektivität, sie erheben keinen Anspruch auf eine ausgewogene Berichterstattung wie in journalistischen Reportagen. Hier zählt in erster Linie die Stimme und der Blick des Autors*der Autorin bzw. der Autor*innen, denn anders als beim Film werden Web-Dokus oft von einem Team gestaltet. Diese Autor*innen stammen aus verschiedene Branchen: Programmier*innen, Fotograf*innen, Tongestalter*innen, Illustrator*innen, Filmemacher*innen, Animator*innen oder Journalist*innen. Jede*r bringt besondere Fachkenntnisse und ästhetische Ansprüche mit; dadurch entwickeln sich neue Erzählformen, die alle vorhandenen Möglichkeiten der digitalen Medien nutzen, um eine Geschichte online zu erzählen. Bei einer Web-Doku steht die originäre und individuelle Nutzung von Technologie im Vordergrund. Man bedient bei Web-Dokus kein Format, sondern erfindet mit jedem Projekt den Bildschirm und die Nutzer*innenerfahrung neu. Man arbeitet mit verschiedenen Medien und mischt sie. Ein gutes Beispiel dafür ist Welcome to Pine Point, ein Projekt, das im Collage-Stil VHS-Videosequenzen mit Illustrationen, Fotos und Tonclips zu einer persönlichen Erzählung verwebt und in einem eigenwilligen Webdesign präsentiert. Die Mischung macht’s: Projekte wie dieses erreichen oft ein fünf- bis sechsstelliges Publikum, gezählt als einzelne Besuche/unique visitors.

Anders als bei der Fernseh-Dokumentation, kommt es bei Web-Dokus nicht allein auf die Reichweite, sondern vor allem auch auf das Engagement der Nutzer*innen an, die sogenannte Interaktivität, ob online oder offline [2]. Wie hoch ist die Teilhabe der Nutzer*innen an der Geschichte? Teilen Nutzer*innen die Web-Doku oder Bruchteile über soziale Netzwerke an lokale communities? Bleiben sie im Durchschnitt länger als fünf Minuten bei der Erzählung? Anders als bei der TV-Dokumentation oder Reportagen, wird bei Web-Dokus Wert auf die Personalisierung gelegt. Webdokus gehen dabei auf den*die einzelnen Nutzer*innen ein, um sich auf seine*ihre Bedürfnisse und Aneignungsverhalten einlassen zu können. Die Geschichte soll für jede*n einzelne*n Sinn machen, bzw. ihr*ihm so nahetreten, dass er selbst mitfühlen, mitdenken oder sogar mitmachen kann. Dokus im Netz werden durch Webtechnologien individuell auf den*die Nutzer*in zugeschnitten, indem sie z.B. durch Geo-Daten den*die Nutzer*in lokalisieren, wie bei The Hole Story Interactive, oder Inhalte kommen nur zum Vorschein, wenn Nutzer*innen beim Einstieg in eine Geschichte bestimmte Antworten zu einer Umfrage gegeben haben. Das Engagement der Nutzer*innen hängt immer auch davon ab, auf welchem Portal die Web-Doku existiert, über welche Medien sie verbreitet wird und für welches Ziel-Publikum sie konzipiert wurde. Anders als beim traditionellen Fernsehen lassen sich Inhalte im Netz schnell und (fast) grenzenlos teilen. Dafür benötigt man allerdings eine im Voraus geplante und systematische Öffentlichkeitskampagne oder ein aktuelles Thema, damit die Mund-zu-Mund Propaganda funktioniert.  

Auch bei der Finanzierung läuft einiges anders.

 

Finanzierung

Web-Dokus sind dokumentarische Produktionen. Trotz innovativer Technik sind sie einem Genre verhaftet, das in der Regel ohne business model auskommen muss. So wie der investigative Journalismus, dessen Rechercheaufwand sich für Medienhäuser oft nicht lohnt, so wie freie Kunst oder open source Technologien nicht primär wirtschaftliche Ziele verfolgen, sind auch Web-Dokus in erster Linie nichtkommerziell. Von Ausnahmen abgesehen, müssen sie meist vorfinanziert werden. Nur wenige Web-Dokus generieren Geld. Daher ist es wichtig, für jedes Web-Doku Projekt früh genug eine Finanzierungsstrategie zu entwickeln, die zur Geschichte passt.

 

Richtig kalkulieren

Bevor man eine passende Strategie entwickelt, ist es natürlich clever eine Kalkulation aufzusetzen. Diese unterscheidet sich an entscheidenden Stellen von traditionellen Kalkulationen für Dokumentarfilme. Ohne zu sehr ins Details zu gehen und natürlich abhängig von der Anlage des jeweiligen Projektes, raten wir eine Kalkulation aufzustellen, in der der Posten für die technische Web-Entwicklung mindestens ein Viertel der gesamten Herstellungskosten beträgt. Die klassischen Posten für Dreharbeiten, Schnitt usw. bleiben dabei unverändert. Hinzu kommen noch die Posten für Entwicklung neuer Funktionalitäten, Anpassung an verschiedenste Endgeräte (sowohl PCs, Tablets als auch Smartphones) sowie Webdesign.

Bei einem relativ kleinen Projekt wie Atterwasch, eine Scroll-basierte Doku aus dem Jahr 2014, hat die Technik in etwa 26% des Budgets in Anspruch genommen. „Dabei war die technische Entwicklung nicht extrem interaktiv oder besonders nichtlinear“, sagt Autor Frédéric Dubois. Bei Web-Dokus übernimmt der*die Programmierer*in oft einen Teil der Arbeit von Filmeditor*innen. Man montiert den Film nicht mehr ausschließlich mit Videosoftware, sondern benutzt scrollbare split screens, Web-Übergänge (bzw. regelbasierte Aufrufe von Zusatzinhalten) und andere Bildschirm-„Schnitte“ um die Doku nichtlinear zu gestalten [3]. Da der*die Autor*in bei Online-Darstellungen weniger Kontrolle über das Projekt behält, ist es umso wichtiger, Zeit für das testing der Web-Doku auf verschiedenen Geräten, Betriebssystemen und Browsern einzuplanen. Diese lästige und unkreative Tätigkeit kann bis zu ein Viertel des Technikpostens beanspruchen.

Künstlerische Gestaltung und Ästhetik fällt bei Web-Dokus unter den Posten Webdesign oder Creative Direction. Das ist von großer Bedeutung und daher nicht zu unterschätzen. Vor allem bei Web-Dokus mit hybrider Gestaltung (z.B. bei einer Mischung aus Webdesign und Zeichnungen oder aus Webtypografie und Animation) ist der künstlerische Anspruch eher hoch angesiedelt. Ein gutes Beispiel dafür ist La Duce Vita, ein Projekt der Pariser Produktionsfirma Darjeeling und der Berliner Kunstgestalterin Pauline Schleimer. Auch beim Webdesign gibt es kein Rezept für die Kalkulationssumme, aber mindestens 10% des Gesamtbudgets sollte unserer Meinung nach für diesen Posten eingeplant werden.

Letztlich spielt bei einer Kalkulation für eine Web-Doku auch der Faktor Postproduktion eine größere Rolle als beim Dokumentarfilm. Man sagt in der Web-Doku Szene oft, dass die Arbeit erst dann anfängt, wenn das Projekt online geht. Dann fängt der community manager an die sozialen Netzwerke zu bespielen. Marketingaktivitäten zählen hier zur Post-Produktion, da sie nicht nur der klassischen Werbung dienen, sondern auch Web-Dokus quasi zum Leben erwecken, indem sie das Engagement der Nutzer*innen generieren. Eine living documentary wie Fort McMoney mit drei Spielleiter*innen und mehreren Spielrunden, die über zwei Jahre liefen, benötigt in der Postproduktionsphase ein entsprechendes Budget.

Es gibt neben diesen drei Tipps noch weitere Einzelheiten, die man bei der Erstellung einer Web-Doku-Kalkulation beachten sollte. Wir können nicht alle Details hier aufführen. Es gilt aber die Regel: Es gibt keine Regel. Jede Web-Doku benötigt im Grunde ein individuelles Finanzierungssystem; untereinander sind diese Konstruktionen schwer vergleichbar.

 

Finanzierungsquellen

Es gibt verschiedene Wege Web-Dokus zu finanzieren. Es kommt auf die Story an, die man erzählen möchte, wie auch auf den Kontext, in dem man produziert.

Ob Web-Dokus erfolgreich unabhängig von Fernsehformaten produziert (und gesehen) werden können, ist in den deutschsprachigen Ländern weiterhin fraglich. Die meisten Web-Dokus sind immer noch eng mit klassischen Fernsehdokumentationen verknüpft, dadurch werden sie auch meist querfinanziert. Das heißt nicht unbedingt, dass neben dem Wohnzimmer-Fernseherlebnis weniger experimentiert wird: Bereits 2009 entwickelte die Berliner Produktionsfirma zero one ein innovatives Programm im Netz, begleitend zur 24-stündigen, in Echtzeit erzählten Dokumentation 24h Berlin. Berliner*innen hatten parallel zum TV-Format die Möglichkeit selbstgedrehte Videos auf einer Plattform hochzuladen; es entstand eine Art „Live-Archiv“, das großen Anklang fand. Das Projekt Supernerds (2015) der Gebrüder Beetz Filmproduktion handelt von Big Data und digitaler Überwachung und besteht nicht nur aus einer traditionellen 90-minütigen Dokumentation, sondern ist konzipiert als „Gesamtkunstwerk“: Neben einem Buch und einer Radiosendung gibt es auch ein Online-Spiel und ein Theaterstück; beide simulieren Überwachung, haben insofern Erlebnischarakter.

Es gibt allerdings neben Web-Dokus, die an TV-Formate angedockt sind, auch pure players bzw. unabhängige Web-Dokus. Sie müssen ihre Finanzierung aus anderen Quellen beziehen, um überhaupt in das Produktionsstadium zu gelangen. Bei diesen Produktionen kommen klassische Förderungen in Frage sowie projektspezifische Zuschüsse. Da es keine etablierte Finanzierungslandschaft für Web-Dokus gibt, ist bei der Erstellung eines Finanzierungscocktails für solche Projekte damit zu rechnen, dass man als Produzent*in Risiken eingeht. Wenn man dazu bereit ist, steht einem das Web offen – noch ist die Anzahl der Konkurrent*innen überschaubar.

 

Grundfinanzierung

Als erstes können sich Web-Doku Macher*innen bei existierenden Filmförderungen informieren. Oft haben Anstalten wie das Medienboard Berlin Brandenburg oder die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen Töpfe für Webformate [4] eingerichtet. Seit 2012 unterstützt zum Beispiel das Medienboard Berlin-Brandenburg Web-Dokus und Newsgames, wie zum Beispiel Netwars (Filmtank, 2014), Wagnerwahn, die App (Gebrüder Beetz, 2013) und Baltic Warriors (Kinomaton, 2014). Hier können die Fördersummen über 50.000 EUR liegen.

Auf EU-Ebene gibt es für Produktionsfirmen Förderprogramme, wie Creative Europe, die sich immer häufiger für innovative Formate einsetzen und inzwischen auch slate-funding anbieten, damit eine Firma bis zu drei Projekte auf einen Schlag finanziert bekommt. Hier können Fördersummen viel höher sein; dafür ist die Antragstellung umso aufwändiger.

Nicht ausschließen sollte man bei der Finanzierung traditionelle Kultur- oder Standortförderungen auf Landesebene; hier muss man im Einzelfall klären, ob und wie mit welchen Summen Web-Projekte gefördert werden. Beispielhaft steht das erfolgreich kulturfinanzierte Multiplattform-Projekt Das Kongo Tribunal, koproduziert von Fruitmarket/Köln. Mit Hilfe der Kulturstiftung des Bundes konnte u.a. eine Web-Doku finanziert werden. Weitere innovative Projekte werden im Rahmen der Sonderkulturfinanzierung zum Jubiläumsjahr „Bauhaus 100“ 2019 untergebracht, u.a. ein Projekt der Interactive Media Foundation in Berlin.

Als weitere Möglichkeit gibt es temporäre Innovationsfonds, wie das ehemalige Schweizer Transmedia Project (zweistufige Förderung: Projektentwicklung bis zu 10.000 CHF, nachfolgend bis zu 100.000 CHF für die Umsetzung), das Medieninnovationszentrum Babelsberg [5] (bis zu 50.000 EUR) und der Prototype Fund (bis zu 30.000 EUR) in Deutschland.

Erwähnenswert sind Plattformen wie Arte Creative oder Arte Future, da sie im Gegensatz zu anderen Sendern web only oder web first-Projekte konsequent mitfinanzieren. Arte ist bei digitalen Werken oft nicht nur eine Abspielplattform, sondern vielmehr ein möglicher Koproduzent, der als Partner dazu kommt, wenn eine erste Finanzierung steht. Die 360 Grad Doku Polar Sea 360 (2014) wurde zum Beispiel von Arte Future koproduziert, wie auch Atterwasch [6] (2014). Der Koproduktionsbeitrag startet in der Regel bei über 10.000 EUR, aber auch hier ist Einiges in Bewegung.

 

Zusatzfinanzierung

Im shoestring budget-Bereich gibt es einige Innovationsförderungen, wie z.B. das VOCER Medialab in Deutschland, das für innovative Storytelling-Projekte bis zu 3.000 EUR vergibt. Dazu gehören auch journalistisch oder technisch ausgerichtete Fonds, wie z.B. journalismfund.eu (unter 10.000 EUR), journalismgrants.org (unter 20.000 EUR) oder Open Annotation Fund (maximal 50.000 USD).

In der Entwicklungsphase macht es u.U. Sinn Master Classes und Labs auf Festivals zu besuchen. Hier gibt es zwar keine Barmittel zu gewinnen, aber Kontakte und Feedback durch Vernetzung. Dadurch kann man wesentliche Kosten sparen, die Produktion beschleunigen und zum eigenen Renommée beitragen. Das Sandberg Instituut in Amsterdam hatte es bereits 2010 vorgemacht, mit einem brillanten matching system zwischen Techniker*innen, Designer*innen und Dokumentarfilmer*innen. Daraus entstand u.a. der Tablet-basierte Dokumentarfilm Money & Speed, der für ein Gesamtbudget von 190,000 USD produziert wurde. Werkleitz in Halle (Saale), und das !FLab sind weitere Beispiele von Labs, Hubs etc.

Wenn die Finanzierung einigermaßen steht, kann man auch Online-Abteilungen von Verlagen und Pressehäusern als mögliche Partner*innen ansprechen. Hier gibt es Interesse an hochwertigen Web-Dokus, weil sie Publikum bringen und redaktionelle Schlagkraft beweisen. Meistens bekommt man im Gegenzug zu Vertriebslizenzen eher bescheidene Summen (unter 5.000 EUR), dafür aber begleitende Artikel und/oder den Zugang zu einer aktiven Leser*innenschaft. Und genau das Engagement dieses Publikums ist möglicherweise der Faktor, der am Ende über Erfolg oder Misserfolg eines Projektes entscheidet.  

Beim Finanzierungscocktail lohnt es sich auch andere Medien zu prüfen. Die US-amerikanischen Medienbrands VICE und HBO sind in den letzten Jahren in Europa stark gewachsen. Sie suchen oft innovative Geschichten und können sich finanziell beteiligen. Andere Medienangebote, wie der Jugendkanal „Funk“ von ARD und ZDF, könnten von Interesse sein.

Als weitere seriöse Quellen kommen natürlich auch Stiftungen in Frage: Projektspezifische Finanzierung kann man bei journalistischen Stiftungen (z.B. Augstein Stiftung, MacArthur Foundation) oder Web Stiftungen (Mozilla Foundation, Open Knowledge Foundation, Wikimedia Foundation) beantragen. Es gibt außerdem spezifische Ausschreibungen, wie z.B. bei der Wüstenrot-Stiftung (dokumentarische Fotografie), die eventuell auch von Interesse sein können. Manche Museen oder Film Festivals (Tribeca Film Fund) bieten auch Fonds oder Partnerschaftsmöglichkeiten an.

Last but not least: Crowdfunding. Es wurde zu crowdfunding schon viel geschrieben - siehe Crowdfunding für Dokumentarfilme. Wichtig bei Web-Doku-Vorhaben ist allerdings zu wissen, dass es sehr mühsam ist sich durch Startnext, Kickstarter, Indiegogo oder andere Plattformen eine stabile Finanzierung zu sichern. Wer die Zeit hat eine erfolgsversprechende crowdfunding Kampagne zu führen, muss auf die nicht-finanziellen Benefits Wert legen (community building, Nutzer*innen-Engagement, Marketing usw.). Wir kennen genau so viele erfolgreiche crowd-finanzierte Projekte wie auch Misserfolge. Der Vorteil ist natürlich, dass die durch crowdfunding finanzierten Projekte ihr Publikum bereits angesprochen haben, anstatt es noch generieren zu müssen. Das Marketing in der Postproduktionsphase kann hier teilweise durch aktive und engagierte Mund-zu-Mund Werbung der Unterstützer*innen abgedeckt werden.

Wer out of the box denkt, kann auch anderswo Inspiration finden. Es gibt zum Beispiel in Kanada und Frankreich (aber nicht nur dort) clevere Finanzierungsmodelle, die auf den ersten Blick für Web-Doku Macher*innen nicht relevant erscheinen, aber aufzeigen, wo die Reise hingehen könnte. In Frankreich funktionieren regionale Entwicklungsfonds besonders gut; so können beispielsweise im Elsass Autor*innen aus der Region Gelder für Stories erhalten, die „nahe am Menschen“ sind. Regionale Entwicklungsfonds ermöglichen oft Stoffentwicklung bei dokumentarischen Themen, die sonst keine Resonanz finden würden. Sie können damit den „Zündfunken“, den initialen Moment bilden, um ein Webprojekt anzustoßen. Wegweisend in Kanada ist die Kombination von FMC und ONF/NFB; eine Struktur, die es hierzulande noch nicht gibt. Der FMC ist der kanadische Medienfonds, der bis zu 1.000.000 CAD für die Produktion von Transmedia-Projekten vergibt und auch einen Experimentellen Fonds beinhaltet, der außergewöhnliche Storytelling-Innovationen mit amtlichen Summen fördert. Das ONF/NFB ist das National Film Board of Canada, der einzige noch existierende öffentlich-rechtliche Produzent der Welt. Das ONF/NFB koproduziert mit kleineren Web-Agenturen wegweisende Web-Dokus, bislang etwa 60 Projekte.

Dieser regionale bis internationale Ausblick hilft uns zu sehen, wie Web-Dokus auch in den deutschsprachigen Ländern nachhaltig finanziert werden können. Von der Finanzierung aber ganz abgesehen, gibt es Hoffnung...

 

Fünf Gründe weshalb Web-Dokus sich in Deutschland etablieren werden

Web-Dokus gewinnen an gesellschaftlicher Bedeutung. Hier die Gründe:

  • Der Durchbruch. Do Not Track, produziert u.a. vom BR im Jahr 2015, war der Durchbruch. Zum ersten Mal wurde eine internationale Koproduktion erfolgreich umgesetzt. Der Erfolg dieses Projektes ist insbesondere in Deutschland zu verorten. Es gab zwar Web-Dokus, die deutschlandweit wahrgenommen wurden (Fort McMoney, Atterwasch usw.), aber nicht in diesem Ausmaß. Die Nachfrage ist jetzt nicht mehr diskutierbar.
  • Sandkasten. Die Förderlandschaft ist im Wandel. Wie bereits erwähnt, existieren Finanzierungsmöglichkeiten. Der Buzz um Virtual Reality (davor serielle Formate, davor Games) führt dazu, dass mehr experimentiert wird in diesem Bereich. Die deutschen Förderanstalten werden sich, wie in anderen Ländern auch, an diese ungewohnte „Risikolage“ gewöhnen und nachhaltige experimentelle Fonds aufsetzen. Das beste Beispiel dafür ist der von der Open Knowledge Foundation Deutschland gegründete Prototype Fund, gefördert von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Medienboard hat 2017 mit dem kanadischen CMF ein Kooperationsabkommen zu digitalen Koproduktionen vereinbart und finanziert innovative Entwicklungen, auch im Bereich Web-Dokus.
  • Medienpartner*innen. Online-Medien stehen auf Web-Dokus. Sobald die Förderungen Web-Doku-freundlicher werden, werden solche Projekte auch in Online-Medien präsenter. Außerdem haben viele deutsche Medien eine große Reichweite, was für international Koproduktionen von Vorteil für den Standort Deutschland ist. Schon jetzt erweitern Zeitungen ihr Online-Angebot um dokumentarische Web-Projekte: Op Docs bei der New York Times; The Guardian Interactive; SZ 360 usw.
  • Talent. Der Pool an Talenten wird in Deutschland jeden Tag größer. Die steigende Anzahl an Tech-Startups in deutschen Städten, die etablierte dokumentarische Filmtradition und die künstlerische Vielfalt hierzulande (gemessen z.B. an der Anzahl an herausragenden Illustrator*innen, Grafiker*innen und Designer*innen) werden zur Innovationskraft beitragen.
  • Die community. In ganz Deutschland gründeten sich in den letzten fünf Jahren Vereine und Netzwerke für Macher*innen, die an der Grenze von Dokumentarfilm, Theater, Gaming oder VR-Journalismus neue Projekte kreieren wollen. Von Netzdoku und Storyfusion (Berlin) zu Transmedia-Bayern (München) und Transmedia Mitteldeutschland (Leipzig) eint diese Verbindungen dasselbe Ziel: sie tauschen Ideen aus, arbeiten gemeinsam an Projekten und professionalisieren sich durch Veranstaltungen wie Workshops oder Hackathons. 2015 wurde der Erste Deutsche Fachverband für Virtual Reality (EDFVR) in Köln gegründet.

 

Dieser kurze und subjektive Einblick in die Web-Doku Szene reflektiert unsere heutige Sicht. Als Produzent*innen, Konzepter*innen oder Autor*innen von innovativen Medienangeboten wissen wir alle, wie schwierig es ist, solche Werke zu finanzieren und umzusetzen. De facto entsteht mit dem digitalen Erzählen eine neue, interdisziplinäre Branche, die eigene Anforderungen und Interessen hat. Um sie zu stärken, muss sie sichtbarer werden und Unterstützung bekommen.

Als „Genre im Wandel“ wird sich die Web-Doku permanent weiterentwickeln und in Zukunft auch nachhaltiger finanziert sein. Zusammen mit anderen Transmedia-Organisationen haben wir ein Positionspapier verfasst: eine Standortbestimmung zum Thema „Digitale Medien“.

Viel Spaß beim Web-Doku schauen und machen.

 

Autor*innen

Frédéric Dubois ist Autor, Journalist, und Produzent. Er lebt in Berlin.

Mathilde Benignus ist Dokumentarfilme- und Dokumentartheatermacherin. Sie lebt in Montréal.

Jonas Witsch ist Macher von Bewegtbild Projekten im Bereich Digital Content. Er lebt in Berlin.

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[1] Die Autor*innen des Artikels sind Teilnehmende des Netzwerkes Netzdoku

[2] Unter offline-Interaktivität versteht man Interaktivität durch nicht web-bezogene Medien wie Telefonhotlines, Postkartenaktionen, Aktivitäten wie Theaterworkshops, die mit einer Web-Doku im Dialog sind u.ä.

[3] Frédéric Dubois: „Bei Atterwasch gab es keine Schnitte. Wir hatten ein auf Papier gezeichnetes Storyboard, das zwölf Mal umgeworfen wurde. Fotos wurden zum Teil schon vor einem Interview eingearbeitet, die meisten Fotos und Illustrationen entstanden aber während oder nach einem Interview. Das Webdesign entstand viel später. Wir wussten aber schon vor den Interviews, wie die Navigation sein würde: durch scrollen und antichronologisch. Das heißt, die Vorarbeit mit dem Programmierer hat das Storyboarding sichtlich beeinflusst.“

[4] Siehe Innovative Audiovisuelle Inhalte (IAI)/Medienboard; Digitale Inhalte Filmstiftung NRW.

[5] MIZ-Babelsberg: das seit 2013 existierende Medieninnovationszentrum Babelsberg fördert technisch-innovative Projekte, die sich u.a. mit Storytelling im Netz beschäftigen. Gefördert werden Projekte von Medienprofis, Studierenden, interdisziplinäre Teams, Start-Ups oder Journalist*innen, wie z.B. die Scroll-Doku Atterwasch (2014), das journalistische Vorhaben Lobbyradar zu Lobbyismus in Deutschland (2015) oder der open source Dokumentarfilm Field Trip (2018). Die Förderung umfasst finanzielle Zuschüsse und ein mehrstufiges Begleitprogramm. Das MIZ bietet verschiedene Weiterbildungsmöglichgkeiten in Form von Workshops oder technischen Coachings an. Finanziert wird das MIZ-Babelsberg durch Rundfunkbeiträge.

[6] Atterwasch hatte ein Gesamtbudget von circa 50.000 EUR.

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